Nachtgedanken…

Wenn man vor fast 10 Jahren einen lieben Menschen verloren hat, sollte es mit der Trauer vielleicht nicht so schlimm sein. Man sagt ja, dass die Zeit alle Wunden heilt. So ist es denn auch. Meistens jedenfalls.

Jedes Jahr, einen Tag vor Weihnachten, macht sich meine kleine Familie auf den Weg zum knapp 3 km entfernten Friedhof. Es muss schon ziemlich schlimmes Wetter sein, damit wir das Auto benutzen. Meist laufen wir. Den Kindern erzähle ich dann von meiner Kindheit. Wir bestaunen die erfrorene Maus, die auf dem Feldweg liegt, philosophieren über den Weihnachtsmann und bestaunen hunderte Autoreifen auf den bäuerlichen Silagevorräten. Irgendwann am Friedhof angekommen, erinnere ich mich an meine Kindheit. Während der Friedhofsbesuche bei meinen Großeltern pilgerte ich über den riesigen Berliner Friedhof und las interessiert die Grabinschriften und all die seltsamen, alten Namen. Heute bin ich froh, dass ich nur in die erste Reihe muss. Blume ablegen, Kerze anzünden und dann… Weg!

Selbst nach der langen Zeit drückt mir der Klos in meiner Kehle die Tränen in die Augen.

Schlucken, über die Augen wischen, weg! Ich schaue nicht nach links und nicht nach rechts. Ich weiß nicht wer daneben liegt oder gegenüber. Erst draussen vor dem Tor hol ich wieder Luft. Puh, das war mal wieder schwer.
Die Kinder gucken verdutzt. Der lange Weg in der Kälte und dann so schnell wieder weg?

Naja, erklären kann man das nicht. Ich kann es nicht. So machen wir uns auf den Heimweg. Auf den ersten Metern bin ich meist sehr ruhig. Dann reden wir über die Maus, den Weihnachtsmann, Bauers Silage und vielleicht auch über die Erinnerungen an meine Kindheit.

Während für andere Menschen Friedhöfe ein Platz der Trauer und Erinnerung sind, ist dieser Platz für mich der Platz des Horrors. Ich brauche diesen Weg, diesen Platz der Erinnerung nicht. Ich denke oft und gerne zurück, Pflege im Alltag die schönen Erinnerungen, stelle mir vor, wie es wäre, wenn alles anders gewesen wäre.

Aber dieser eine Tag, diese wenigen Minuten kosten mich unendlich viel Kraft.

Mama, du fehlst mir.

7 Comments

on “Nachtgedanken…
7 Comments on “Nachtgedanken…
  1. 🙁 schade… ich kann es auch nicht, so richtig blöd wurde es als meine Oma gestorben ist. Man fühlt sich so hilflos und man hat auch keine Kontrolle über seine Gefühle. Zeit heilt alle Wunden, wie ich den Spruch hasse. Sicher fällt es einem mit der Zeit leichter drüber zu sprechen sich zu erinnern und auch mal gefühlsmäßig dampf abzulassen, aber heilen wird so eine Wunde nie. Der Puls steigt, die Hände sind schwitzig, man ist aufgeregt und irgendwie so winzig hilflos. Ein armer unbedeutender Geist. Wie wichtig das JETZT ist, weiß man glaub ich erst wenn man tot ist. Vielleicht ist es auch komisch vor seinen Kindern Frau mal so richtig zu weinen und liebesbedürftig da zu stehen. Kinder verstehen es ja nicht zu 100% wenn Papa weint… Alles Gute im neuen Jahr! Sebastian

  2. Manchmal verdamme ich, so nah am Wasser gebaut zu sein. Mir standen ungelogen die Tränen in den Augen, als ich den letzten Satz gelesen habe. Sofort viel mein Gedanke auf meine Mutter, wie sehr ich doch froh bin, sie zu haben. Ein Leben ohne sie mag ich mir jetzt noch gar nicht ausmalen…

  3. Du solltest auch froh sein, sie noch zu haben.

    Ich denke für jeden Menschen gibt es „die eine“ Bezugsperson, deren Verlust ihm besonders nahe geht. Für den einen ist es die Oma, andere hängen an ihrer Mutter, dem Mann oder der Frau. Tränen in den Augen sind da gewiss keine Schande. 😉

  4. Fast jeder von uns hat schon mal einen lieben Menschen verloren, so auch wir am Heiligabend unsere lieb gewonnene Nachbarin. Es war „nur“ eine Nachbarin aber es hat und tut noch immer unheimlich weh. Ich kann es nicht fassen das sie nicht mehr da ist. Habe es nach der Beisetzung auch bisher nicht mehr geschafft auf den Friedhof zu gehen. Wie muß das erst sein wenn es die eigene Mama ist… kann es mir gar nicht vorstellen! Alles Gute für dich und deine Familie!

  5. Danke! Ich glaube schlimmer als die Trauer ist es zu begreifen, dass jemand schlichtweg nicht mehr da ist. Die von mir beschriebene Traurigkeit erfasst mich eigentlich immer nur auf dem Friedhof – fehlen tut sie mir jedoch nahezu täglich. Gerade wenn die Kinder mal wieder was gucken lassen oder was tolles gemacht oder erlebt haben, denke ich oft an meine Mutter und daran, wie gerne sie sicher dabei gewesen wäre.
    😕
    So ähnlich wird es dir mit deiner Nachbarin gehen. Es wird immer wieder Situationen geben, die dich zwangsläufig an sie erinnern und dann erschrocken feststellen, dass sie ja gar nicht mehr da ist. Aber so geraten sie nicht in Vergessenheit…

  6. Ohne viele Worte zu machen sage ich jetzt einfach nur, dass ich dich sehr gut verstehen kann. Warum, das hast du ja bei mir gerade gelesen…

    Ich habe mir zum Tehma „Die Zeit heilt alle Wunden“ die Meinung einer lieben Mitbloggerin angenommen und die sagt: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Sie lässt sie nur in den Hintergrund rücken.“

    Dem kann ich zustimmen. Die Wunde heilt nie. Aber es tut eines Tages nicht mehr so weh.

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